Kavazars Untergang

Kavazars Untergang

Es war einmal, vor langer, langer Zett, da lebten die Menschen und Zwerge einträchtig unter den Dächern einer riesigen Stadt. Manche behaupten, daß dies die älteste und größte Stadt der Welt gewesen sei, und daß sie schon vor der Zeit der Langbärte und Menschlinge von älteren und weiseren Händen erbaut worden wäre. Die Stadt lag teils über, teils unter der Erde, ganz der verschiedenartigen Natur ihrer Einwohner entsprechend. Unter der Erdoberfläche beherrschten die Zwerge ihre gewaltigen Steingewölbe und rangen dem Fels seine Schätze ab, während über Tage die Menschlinge Felder bestellten und abernteten, welche die Stadt wie einen Flickenteppich umgaben.

Eines Tages beschlossen die Menschen der Stadt, den Göttern ihre Dankbarkeit für ihr Schicksal zu zeigen und planten den Bau eines Tempels, wie ihn die Welt noch nie zuvor gesehen hatte. Mitten in der Stadt sollte eine kolossale Halle erbaut und mit einem einzigen, wolkenhohen Turm gekrönt werden. Ein Turm so hoch, daß er bis in den Himmel reichen würde. Nach sorgfältiger, von den Langbärten unterstützter Planung begannen sie schließlich damit, ihr monumentales Vorhaben In die Tat umzusetzen

Die Wochen dehnten sich zur Monaten und die Monate zu Jahren, und immer noch bauten die Menschlinge Männer wurden alt, während sie an dem riesigen Tempel bauten, und ihre Söhne setzten ihre Arbeit Durch Sommer und Winter hindurch fort. Viele Generationen später war die Halle fertig. und es begann die Arbeit am großen Turm Die Jahre vergingen und der Turm erreichte eine solche Höhe, daß es den Menschenlingen zunehmend schwerer fiel das Baumaterial zur Spitze zu schaffen. Die Bauarbeiten verlangsamten sich schließlich so sehr, dass eine Fertigstellung des Turmes unmöglich schien. Da erscheint jedoch eine Gestalt die den Menschen ihre Hilfe bei deren großen Vorhaben anbot. In Gegenzug verlangte sie, dem Tempel eine Widmung an die Götter hinzufügen zu dürfe n. Würde man ihm diese gewären so behauptete er, dann würde er dort Turm in einer einzigen Nacht vollenden. Was haben wir zu verlieren? fragten Sich die Menschen und stimmten dem handel stimmten dem handel bereitwillig zu.

Zur Abenddämmerung betrat der Fremde den unvollendeten Tempel, schickte die Menschenlinge fort und gebot Ihnen, erst um Mitternacht zurückzukehren. Als die Menschliche das Gebäude verließen, zogen Wolken vor die Monde und hüllten den Tempel in einen Mantel aus Finsternis. In der ganzen Stadt hielten die Menschen Wache und warteten, bis sie sich gegen Mitternacht wieder auf dem Tempelplatz einfanden. Der Wind frischte auf, und die Wolken teilten sich, als sie zum Tempelturm hinaufblickten. Wie eine Lanze ragte er in den Himmel Ganz oben auf seiner Spitze hing, kalt schimmernd lm Mondlicht, eine riesige, gehörnte Glocke. Das war die Weihgabe des Fremden an die Götter, aber von ihm selbst fehlte Jede Spur. Die Menscblinge frohlockten, daß ihrer Väter Väter Arbeit endlich vollbracht war. Sie strömten vorwärts, um den Tempel zu betreten. Doch um Punkt Mitternacht, fing die große Glocke an zu läuten, einmal ... zweimal ... dreimal. Langsame, schwere Klangwellen rollten über die Stadt.Vier ... Fünf... sechs Mal ertönte die Glocke. Sieben ... acht ... neun, der Glockenklang wurde mit jedem Schlag lauter, und die Menschenlinge taumelten von den Tempelstufen zurück, preßten sich die Hände auf ihre Ohren. Zehn ... elf ... zwölf ... dreizehn. Beim dreizehnten Schlag riß ein Blitz den Himmel auf, und Donnerhall gab der Glocke Antwort. Noch droben erleuchtete ein helles aufblitzen das dunkle Rund von Morrsleib, und alle fielen in banges Schwelgen.

Die Menschenlinge flohen in ihre Betten, verängstigt und verwirrt ob dieser Vorzeichen, die sie gesehen hatten. Als sie am nächsten Morgen wieder aufstanden, entdeckten sie, daß ihre Stadt in Finsternis getaucht war. Sturmwolken zogen über die Stadt hinweg, und es fiel ein Regen, wie ihn noch nie jemand zuvor gesehen hatte. Schwarz wie Asche stürzte der Regen herab, bildete dunkle, glitschige Pfützen auf den Straßen und überzog das Kopfsteinpflaster mit dunkel irisierenden Farben. Anfangs machten sich viele Menschltnge noch keine Sorgen, sondern warteten darauf, daß der Regen aufhörte, damit sie ihr übliches Tagwerk wieder aufnehmen könnten. Aber der Regen hörte nicht auf, der Sturm blies immer heftiger, und der Donner Iieß den hohen Tempelturm erbeben. Die Tage dehnten sich zu Wochen aus, und noch immer hörte der Regen nicht auf. Jede Nacht schlug die Glocke dreizehn Mal, und an jedem Morgen lag Finsternis über der Stadt.

Die Menschenlinge wurden zunehmend furchtsamer und beteten zu ihren Göttern, aber der Regen hörte nicht auf und die schwarzen Wolken hingen noch immer wie ein Leichentuch über den vom Sturm niedergedrückten Kornähren auf den Feldern. Die Menschenlinge gingen schließlich zu den Zwergen und baten sie um Hilfe. Den Langbärten jedoch waren ihre Nöte gleichgültig - was schadete schon ein bißchen Regen an der Oberfläche? Im Schoß der Erde blieb alles warm und trocken. Die Menschlinge verkrochen sich in ihren Häusern, denn Furcht nagte an ihren Herzen. Sie schickten Boten aus, um Hilfe zu f. suchen, aber keiner von ihnen kehrte zurück. Einige gingen zum Tempel, um zu beten und den Göttern von ihrer schwindenden Nahrung zu opfern, doch die Tempeltore waren L fest verschlossen. Der Regen nahm an Stärke zu. Dunkle Hagelkörner fielen vom Himmel herab und zerquetschten die n durchnäßten Feldfrüchte. Die große Glocke ließ ihr Geläut über der vor Angst erstarrten Stadt erschallen. Bald darauf spalteten h riesige Steine die Wolken und stürzten herab, um die Häuser der Menschenlinge zu zerschmettern

Viele wurden krank und starben ohne ersichtlichen Grund, alle Neugeborenen der Menschltnge waren furchtbar entstellt. Eine Ungezieferplage fraß das wenige verbliebene Korn, und die Menschlinge begannen zu hungern.

Abermals suchten die Ältesten der Menschlinge die Zwerge auf und diesmal verlangten sie deren Hilfe Sie wollten ihr Volk unter die Erde in Sicherheit bringen, und sie forderten Nahrung. Die Langbärte wurden zornig und teilten den Menschlingen mit daß die tiefergelegenen Ebenen überflutet und auch ihre Nahrungsvorräte von Ratten aufgefressen worden währen. Es sei ihnen kaum genug Essen und Obdach für ihr eigenes Volk verblieben. Sie wiesen die Menschenlinge aus ihren Hallen und verriegelten alle Eingangstore. In den Ruinen der Stadt wurde jeder neue Tag tödlicher als der vorherige. Die Menschlinge verzweifelten und wandten sieh auf der Suche nach Beistand sogar an die finsteren Götter des Bösen und raunten sich in der Hoffnung um Erlösung die Namen vergessener Dämonen zu. Aber nur die Ratten kehrten zurück, größer und dreister denn je. Ihre huschenden, pelzigen Gestalten verseuchten die gebrochene Stadt; labten sich an den Leichen und überwältigten die Kranken und Schwachen. Immer um Mitternacht läutete die Glocke dreizehnmal triumphierend und unheilvoll. die Menschlinge wurden in ihrer eigenen Stadt zu Gefangen, während riesige Rattenhorden die Straßen nach Beute absuchten.

Am Ende nahmen die verzweifelten Menschlinge ihre wenigen Waffen und hämmerten an die Pforten der Zwerge . Aber von drinnen kam keine Antwort. Die Menschlinge ergriffen schwere Balken und rammten damit die Tore ein und betraten die dahinterliegenden, dunklen und leeren .Stollen. Die mitleiderregenden Überreste der einstmals stolzen Stadtbevölkerung stiegen in die Tiefen der Zwergenstadt hinunter. In der uralten Königshalle fanden sie die Zwerge schließlich, jetzt nur noch blankgenagte Knochen und zerfetzte Kleidungsreste. Und dort erblickten sie auch lm verlöschenden Licht ihrer Fackeln die Myriaden Augen rings um sie, die wie kleine Sterne glitzerten, als die Ratten den Kreis Schloßen.

Die Menschenlinge stellten sich Rücken an Rücken und kämpften verzweifelt um ihr Leben, aber gegen die unmenschliche Raserei und Überzahl der pelzigen Horde waren ihre Waffen nutzlos. Die Flut des monströsen Ungeziefers brach ütber Ihnen zusammen, einer nach dem anderen ging zu Boden und wurde zerrissen. Tief gruben sich die gelben Schneidezähne der Nager in ihr Fleisch, und die Schmerzensschreie wurden durch das abstoßende Gequieke der pelzigen Masse übertönt.

Übersetzt aus der tileanischen Legende 'Kavarzars Untergang', auch `Der Fluch der Dreizehn' genannt.


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